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von Pfarrer Matthias Blaha



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Katholische Morgenfeier am 16.09.2012 / 24. Sonntag im Jahreskreis B

Gesalbt und befreit

Mk 8,27-29 - Lk 4,18-19

Podcast

Drei Buben streiten sich, wer die einflussreichsten Verwandten hat. Der eine sagt: „Mein Papa ist Lehrer und leitet ein Gymnasium. Wenn die Schüler ihn sehen, sagen sie ‚Herr Oberstudiendirektor‘.“ – „Das ist doch gar nichts“, entgeg­net der zweite Junge. „Meine Tante ist bei der Regierung beschäftigt. Wenn die Abgeordneten sie sehen, sagen sie ‚Frau Staatssekretärin‘.“ – „Ach was wollt ihr denn damit“, meldet sich der dritte Bub zu Wort. „Ein Onkel von mir wiegt drei­hundert Kilo. Wenn die Leute ihn auf der Straße sehen, sagen sie ‚Allmächtiger Gott!‘“

Liebe Hörerinnen und Hörer, so alt diese Anekdote auch ist, bringt sie doch eine allgemeingültige Erfahrung zur Sprache: Titel geben Auskunft über einen Men­schen – wer er ist und was er tut. Bestimmte Titel suggerieren Wichtigkeit und Einfluss. Vor allem im Englischen haben sich in den vergangenen Jahren klin­gende Titel für bestimmte Berufe herausgebildet, die immer mehr auch im deutschsprachigen Bereich Verwendung finden: Was früher ein Fensterputzer war, ist jetzt ein „Vision Clearance Engineer“, also ein Ingenieur für klare Sicht. Aus dem Müllmann ist ein „Waste Removal Manager“ geworden, ein Manager für Müllentsorgung. Und wer die Regale im Supermarkt einräumt, darf sich neuer­dings „Stock Replenishment Adviser“ nennen, Berater für die Auffüllung der Lagerbestände.[1]

Im Alltag spielen solche Titel wohl eher eine Nebenrolle. Das ist bei wirklich ein­flussreichen Menschen anders, da werden Titel fast wie Vornamen gebraucht, wie zum Beispiel bei Bundeskanzlerin Merkel, Kardinal Lehmann oder Bahnchef Grube. So ein Titel drückt unmissverständlich aus: Was diese Person sagt und tut, hat Gewicht.

Bis vor nicht allzu langer Zeit waren Titel auch abseits der Chefetagen der Gesellschaft weiter verbreitet: Da wurde beispielsweise der Dorflehrer nicht mit Namen angesprochen, sondern mit „Herr Lehrer“ oder sogar „Herr Oberlehrer“. Sehenswerte Zeugnisse dieser vergangenen Sitte sind viele alte Friedhöfe. Deren Grabsteine geben oft nicht nur Auskunft über den Namen eines Verstor­benen, sondern auch über dessen Titel. Auf dem Friedhof einer kleinen fränki­schen Stadt habe ich mal auf einem Grabstein neben dem Gendarmeriehauptmann und der Damenschneidergesellin eine Reichsbahn-Hauptlademeisters-Gattin ausfindig gemacht.

Solche und andere Titel auf den alten Grabsteinen haben in meiner Phantasie zu jedem Namen ein Bild entstehen lassen von der jeweiligen Person; ich habe mir überlegt, wie dieser Mensch wohl ausgesehen haben könnte und was er getan hat.

Liebe Hörerinnen und Hörer, ich will heute mit Ihnen noch viel weiter in die Geschichte zurückgehen, denn das Evangelium dieses Sonntags stellt uns einige Titel vor, die für Jesus verwendet wurden. Sie können uns dabei helfen, eine kla­rere Vorstellung von Jesus zu bekommen – wer er war und was er für uns heute bedeutet.

Aus dem Markusevangelium.
Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi.

Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias!

Musik: Johann Sebastian Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 1, Allegro. CD Brandenburgische Konzerte 1-3, Track 1. Universal Music Classics & Jazz 2010. Best.-Nr. 4803337, LC 00173

Das Volk hat keinen einheitlichen Blick auf Jesus, wie das Markusevangelium berichtet. Die einen nennen Jesus einen Propheten, andere sagen Messias zu ihm. Und auch die beiden Namen, mit denen wieder andere Leute Jesus in Ver­bindung bringen, sind eigentlich Titel: Johannes der Täufer und Elija.

Diejenigen, die Jesus als Johannes den Täufer betiteln, versuchen damit seine übermenschlichen Fähigkeiten zu erklären. Jesus heilt Kranke, Jesus weckt sogar Tote auf – ein normaler Mensch kann das nicht. Daher vermuten manche Leute: Johannes der Täufer, der wegen seiner Kritik am König hingerichtet wurde, ist von den Toten auferstanden. Deswegen besitzt er Wunderkräfte, die er nun unter dem Decknamen Jesus einsetzt.

Der Titel „Johannes der Täufer“ gefällt Jesus nicht. Erstens will sich Jesus nicht auf den Aspekt des Wundertäters beschränken lassen, und zweitens ist Jesus nicht der drohende Bußprediger, wie es Johannes war. Es ist nicht der Stil Jesu, mit düsteren Endzeit-Visionen die Menschen in Angst und Schrecken zu verset­zen und sie damit zum Glauben an Gott zu bewegen. Jesus hat eine andere Strategie.

Diese Strategie deckt sich aber auch nicht mit der des Propheten Elija. Elija war ein Prophet mit gewaltigen Worten und ebenso gewaltigen Taten. Im Streit mit den Anhängern des Baals-Kultes sorgt Elija für eine jahrelange Dürre; er will damit zeigen, dass sein Gott mächtiger ist als der Fruchtbarkeitsgott Baal. Wenn mein Gott Jahwe es will, sagt Elija, wird kein Regen mehr fallen – Baal, den die Menschen um Regen bitten, kann dagegen nichts ausrichten. Einmal inszeniert Elija einen regelrechten Götterwettkampf: Er lässt einen Opferaltar errichten mit einem Opfertier darauf. Dann fordert er die Baalspriester auf, zu ihrem Gott um Feuer zu beten, das vom Himmel auf das Opferfleisch fallen und es verzehren soll. Elija verspricht, anschließend dasselbe zu tun. Der Gott, der Feuer vom Himmel schickt, so die Vereinbarung vor dem Wettkampf, ist der wahre Gott. Trotz aller Anstrengungen der Baalspriester ist kein Feuer zu sehen, doch als Elija zu seinem Gott betet, fällt plötzlich Feuer auf den Opferaltar. Das ganze Volk bekennt sich daraufhin zu Jahwe als wahrem Gott, doch Elija ist das nicht genug: Er lässt die Baalspriester grausam niedermetzeln.

Die Menschen mit Dürre strafen, die Baalspriester hinrichten: Der gewaltige, ja gewalttätige Einsatz von Worten und Taten, wie ihn Elija gezeigt hat, liegt Jesus fern. Deshalb ist Jesus auch mit dem Titel „Elija“ nicht zufrieden.

Ich bin kein Zauberer, ich bin kein Verkünder von Drohungen. Ich bin keiner, der Strafen verhängt, und ein Henker bin ich schon gar nicht, bringt Jesus zum Aus­druck, indem er sich gegen die Titel „Johannes der Täufer“ und „Elija“ sperrt.

Auch der Titel „Prophet“ greift für Jesus zu kurz. Ein Prophet richtet den Men­schen aus, was er von Gott erfahren hat. Aufgabe eines Propheten ist es, Unrecht beim Namen zu nennen und dagegen Stellung zu beziehen. Er mahnt die Menschen, nach Gottes Willen zu leben und zeigt ihnen die Konsequenzen von falschem und richtigem Verhalten auf. Obwohl Jesus genau das tut und damit Merkmale eines Propheten aufweist, wehrt er sich gegen diesen Titel. Denn ein Prophet steht zwar mit Gott im Bund, ist aber nur ein Mensch. Jesus beansprucht jedoch für sich, mehr zu sein als ein Mensch – er ist Sohn Gottes.

Musik: Johann Sebastian Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 1, Menuetto. CD Brandenburgische Konzerte 1-3, Track 4. Universal Music Classics & Jazz 2010. Best.-Nr. 4803337, LC 00173

Jesus ist nicht der drohende Johannes der Täufer. Jesus ist nicht der gewalt­tätige Elija. Und auch der Titel „Prophet“ taugt nicht für Jesus, weil er seiner Göttlichkeit nicht Rechnung trägt.
Erst der vierte Titel beschreibt das Wesen Jesu zufriedenstellend. „Du bist der Messias!“ sagt Petrus stellvertretend für die anderen aus dem Freundeskreis Jesu.
„Messias“ bedeutet auf deutsch „der Gesalbte“. Was so ein Messias, so ein Gesalbter tut, erklärt Jesus selbst, indem er im Lukasevangelium den Propheten Jesaja zitiert.

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefan­genen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Als Gesalbter, als Messias war Jesus ein Befreier. Die Mission Jesu bestand darin, den Menschen Freiheit zu bringen. Viele der Zeitgenossen Jesu haben dies missverstanden und gehofft, dass Jesus als politischer Akteur auftritt und das Volk Israel mit Waffengewalt von den verhassten römischen Besatzern befreit. Sie hätten Jesus gern zum König gemacht und mit ihm für ein freies Isra­el gekämpft. Doch das war nicht der Auftrag Jesu.

Jesus hat sich vielmehr als Befreier im religiösen Sinn verstanden. Denn er hat eine Glaubenspraxis vorgefunden, die voller Unfreiheit war.

Den Religionsführern zur Zeit Jesu war es ein großes Anliegen, dass die Gläubi­gen Gottes Willen tun. Dieser Wille Gottes äußert sich vor allem in den Zehn Geboten. Damit die Zehn Gebote als göttliches Gesetz auf keinen Fall angetas­tet, geschweige denn übertreten werden, haben die Religionsführer einen soge­nannten „Zaun um das Gesetz“ gelegt: Sie haben sich zahlreiche pingelige Vor­schriften ausgedacht. Um beispielsweise ja nicht das Gebot „Du sollst den Sab­bat heiligen“ zu übertreten, durften gläubige Juden am Sabbat maximal 999 Schritte gehen. Sie durften zwar Milch in den Kaffee gießen, aber nicht umrüh­ren. Auch das Heilen eines Kranken war am Sabbat verboten. Und zum Schutz des Gebotes „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren“ gab es eine Fülle von Reinheitsvorschriften. Komplizierte und minutiös geregelte Wasch-Rituale für Körper und Geschirr mussten die Gläubigen befolgen, bevor sie in Kontakt zu Gott treten konnten. Manche Bevölkerungsgruppen hatten gar keine Chance, den Kontakt zu Gott aufzunehmen, weil sie als „unrein“ galten: Körperlich und psychisch Schwerkranke oder Menschen mit „schmutzigen“ Berufen wie die Zoll­eintreiber, öffentlich bekannte Sünder, aber auch Frauen während der Menstrua­tion.

„Zäune um das Gesetz“ haben die gläubigen Juden zur Zeit Jesu immer mehr geknechtet und ihnen immer mehr Angst vor Gott gemacht. Ihren ursprünglichen Sinn, nämlich sicherzustellen, dass ein Gläubiger den Willen Gottes tut, hatten diese Vorschriften damit verloren – sie haben die Menschen nicht zu Gott hin, sondern von ihm weggebracht. Sie haben ihnen Angst vor Gott eingeflößt und ihnen den Zugang zu Gott nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen gestat­tet, manchmal sogar kategorisch verwehrt.

Deswegen reißt Jesus diese Zäune um das Gesetz nieder. Er stellt fest: Es kommt nicht darauf an, dass man irgendwelche Sabbatregeln beachtet oder Rei­nigungsriten durchführt, um Gott begegnen zu können, sondern es kommt auf die innere Gesinnung an. Wer das ehrliche Bedürfnis hat, Gott zu begegnen, der darf das auch mit schmutzigen Händen.

Und mit leeren Händen: Die vielen Opfervorschriften, die genau bestimmt haben, für welches Anliegen wie viel Geld oder welche Naturalien in den Tempel gebracht werden mussten, setzt Jesus außer Kraft mit dem Hinweis: „Barmher­zigkeit will ich, nicht Opfer.“ (vgl. Mt 9,13)

Jesus setzt sich über all die Vorschriften hinweg, die die Menschen am Kontakt zu Gott hindern. Jesus nimmt sich die Freiheit, am Sabbat Kranke zu heilen. Jesus nimmt sich die Freiheit, zu beten ohne Reinigungsvorschriften zu beachten und ohne Opfergaben im Gepäck. Jesus nimmt sich die Freiheit, mit jedem Men­schen Umgang zu pflegen. Mit diesem Verhalten gibt Jesus den Gläubigen ihre Freiheit zurück, die in einer von Angst dominierten Religion gefangen waren. All diese Menschen ermutigt Jesus: Macht es wie ich!

Als Begründung führt Jesus ins Feld: Ihr, die Gläubigen, seid keine Untertanen Gottes. Ihr müsst euch nicht vor Gott in den Staub werfen wie vor einem König, wenn ihr ein Anliegen habt. Ihr müsst keine komplizierten Rituale abarbeiten, bevor ihr Gott begegnen dürft. Ihr braucht ihm nur aufrichtig und mit dem ehrli­chen Wunsch, ihm nahe zu sein, gegenübertreten. Und ihr müsst schon gar nicht Gott mit Opfergaben versöhnlich stimmen. Denn ihr seid keine Untertanen, ihr seid Kinder Gottes. Wie ein Kind ganz unkompliziert Zugang zu seinen Eltern hat, so dürft ihr jederzeit und überall mit Gott Kontakt aufnehmen. Wie ein Kind seine Eltern nicht mit irgendwelchen Geschenken dazu bewegen muss, dass sie ihm zuhören, so braucht auch ihr nichts bezahlen, um bei Gott Gehör zu finden. Wie ein Kind selbstverständlich davon ausgeht, dass seine Eltern es gut mit ihm meinen, so sollt auch ihr keine Angst vor Gott haben. Sagt ihm eure Anliegen ganz vertrauensvoll und wisst: Euer Gott steht auf eurer Seite!

Und so ermutigt Jesus die Menschen, Gott ganz unkompliziert mit „Vater“ anzu­sprechen. Unerhört war das in den Ohren der damaligen Religionsführer, die den Gläubigen verboten, den Gottesnamen Jahwe auch nur in den Mund zu nehmen! Doch Jesus leitet die Befugnis dazu aus seiner Herkunft ab: Weil Jesus Gottes Sohn ist, hat er die Vollmacht, allen Menschen, die das wollen, das Sohn- und Tochter-Gottes-Sein anzubieten. Und wer Sohn oder Tochter ist, darf auch Vater sagen.

Damit gibt Jesus den Gläubigen ihren freien und ungehinderten Zugang zu Gott zurück. Das ist seine Mission als Messias, als Gesalbter Gottes, als Befreier der Menschen. Die „Freiheit der Kinder Gottes“ wurde zu einem feststehenden Begriff in der Religion, die Jesus gegründet hat. Und seither tragen alle, die an Jesus und seine Lehre glauben, einen Titel, der mit dem des Messias eng ver­wandt ist: den Titel „Christen“. „Christ“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet das Gleiche wie das hebräische Messias, nämlich Gesalbter.

Alle Christinnen und Christen sind Gesalbte, weil sie zu Jesus, dem Messias gehören. Und weil der Messias der Befreier ist, sind alle Christen Befreite.

Liebe Hörerinnen und Hörer, wenn Sie zu einer christlichen Kirche gehören, tra­gen auch Sie den Titel „Christ“ oder „Christin“. Sie sind Befreite, weil Jesus, der Messias, auch Ihnen freien und ungehinderten Zugang zu Gott geschenkt hat. Dabei ist der Titel „Christin“ oder „Christ“ der einzige von Bedeutung. Vor Gott zählt nicht, ob Sie Professor sind oder Putzfrau, Rentner oder Rechtsanwältin, Arzt oder Arbeitsloser. Vor Gott zählen Sie alle gleich viel. Sie alle haben die gleiche „Freiheit der Kinder Gottes“.

Musik: Johann Sebastian Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 2, Allegro. CD Brandenburgische Konzerte 1-3, Track 5. Universal Music Classics & Jazz 2010. Best.-Nr. 4803337, LC 00173

Leider wurde diese „Freiheit der Kinder Gottes“ in den Jahrhunderten seit Jesus wieder eingeschränkt, auch von Verantwortlichen der katholischen Kirche. Ich nenne nur ein Beispiel:

Die Älteren von Ihnen kennen vermutlich noch die Bestimmung, dass man, wenn man zur Kommunion gehen will, davor nichts essen und trinken darf, und zwar ab Mitternacht. Ich kenne eine Frau, die mit über neunzig Jahren noch immer schwer traumatisiert ist, weil sie als Kind nicht zur Erstkommunion zugelassen wurde. Sie hatte nämlich am Weißen Sonntag beim morgendlichen Zähneputzen versehentlich ein bisschen Wasser verschluckt. Als sie das dann ihrem Pfarrer erzählt hat, hat der ihr die Kommunion verweigert. Als einzige aus der ganzen Klasse musste sie bis zum nächsten Weißen Sonntag warten. Sie erfährt bis heute das damalige Verbot, die Kommunion zu empfangen, als tiefe Demütigung.

Gottseidank gibt es diese rigide Nüchternheitsregel nicht mehr.

Doch die Vorschrift, die an ihre Stelle getreten ist, ist nicht viel hilfreicher. Sie besagt: Wer zur Kommunion gehen will, darf eine Stunde vorher nichts zu sich nehmen. Als ob es für die Begegnung mit Jesus in der Kommunion darauf ankä­me, ob und wann und was ich vorher gegessen habe! Entscheidend ist doch vielmehr, in welcher Gesinnung ich die Kommunion empfange; dass ich dies nicht vollgestopft mit Essen oder sogar betrunken tue, versteht sich von selbst. Wenn ich ehrlich Jesus in der Kommunion begegnen will, habe ich die Freiheit, dies zu tun; keine Nüchternheitsregel darf mich davon abhalten.

Genauso fragwürdig sind die Vorschriften, dass Evangelische nicht die Kommu­nion empfangen dürfen oder wiederverheiratete Geschiedene. Auf die Gesinnung kommt es an, nicht auf den Taufschein oder den Familienstand! So mahnen viele Priester und auch einige Bischöfe: Diese Vorschriften bedürfen dringend der Reform! Papst Benedikt selbst hat hier schon Signale gesetzt: Als Kardinal Rat­zinger gab er dem evangelischen Frère Roger aus Taizé die Kommunion bei der Totenmesse für Papst Johannes Paul, und vor wenigen Monaten empfing der geschiedene und wiederverheiratete bayerische Ministerpräsident aus der Hand des Papstes den Leib Christi.

Ich hoffe, dass dieses Verhalten von Papst Benedikt nicht Ausnahme bleibt, son­dern Regel wird in unserer Kirche – ganz nach dem Vorbild Jesu; denn dieser hat sich als Messias auch für die zuständig gefühlt, die als „Ungläubige“ oder „Sün­der“ abgestempelt wurden. Er hat niemanden an der Kommunion, an der Gemein­schaft mit ihm gehindert.

Vor einigen Jahren, bei einem Gottesdienst im Altenheim, bin ich bei der Kom­munionausteilung zu einem Mann hingegangen, der wie alle anderen die Hände aufgehalten hat. Als ich ihm die Hostie geben wollte, hat seine Nachbarin gezischt: „Der kriegt nix! Der ist evangelisch!“ Ich habe den Mann gefragt: „Wol­len Sie den Leib Christi empfangen?“ „Ja, bitte!“, hat er gesagt, und ich habe ihm die Kommunion gegeben. Er hat geweint vor Freude und Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, dass Jesus mit diesem Mann genauso gern Gemeinschaft in der Kommunion gepflegt hat wie mit jedem Katholiken, der ebenso ehrlich und auf­richtig den Kontakt zu ihm sucht.

Musik: Johann Sebastian Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 3, Allegro. CD Brandenburgische Konzerte 1-3, Track 10. Universal Music Classics & Jazz 2010. Best.-Nr. 4803337, LC 00173

Alle, die den Titel „Christen“ tragen, haben die Freiheit der Kinder Gottes, haben ungehinderten Zugang zu Gott. Keine Vorschrift darf diesen Zugang zu Gott beschränken; dafür sorgt Jesus als Messias, als Befreier.

Diese „Freiheit der Kinder Gottes“ bedeutet nicht, dass alle Vorschriften irrelevant wären. Auch Jesus hat gewusst, dass eine Glaubensgemeinschaft bestimmte Regeln braucht, und so hat er keineswegs alle Gesetze über Bord geworfen. Jesus hat aber ganz genau hingeschaut, welche Gesetze die Gläubigen von Gott weggebracht haben. Die hat er für ungültig erklärt und ganz bewusst gebrochen, wie eben die Reinheitsvorschriften, die Opferbestimmungen oder das Verbot, am Sabbat zu heilen. Die Gesetze, die zu Gott hinführen, hat Jesus sehr wohl gehalten, zum Beispiel die Zehn Gebote. Doch auch da hat er betont, dass es auf die innere Einstellung ankommt, deshalb hat er sein Gebot „Du sollst Gott und den Nächsten lieben wie dich selbst“ noch über die Zehn Gebote gestellt. Die liebevolle Gesinnung ist entscheidend für den Zugang zu Gott, zu den Mit­menschen und zu mir selbst, sagt Jesus.

Liebe Hörerinnen und Hörer, Jesus als Messias, als Befreier ermutigt uns heute: Lasst euch von Glaubens-Vorschriften nicht vom Kontakt zu Gott abhalten! Jede Vorschrift, die dies tut, ist irrelevant. Ihr habt die Freiheit, euch darüber hinweg­zusetzen, denn ihr seid wie ich Kinder Gottes, die das Recht haben auf freien Zugang zu ihrem Vater. Beachtet die Vorschriften, die euch Gott nahebringen, vor allem das Gebot, Gott und die Mitmenschen und euch selbst zu lieben. Wenn ihr in der Gesinnung der Liebe und mit ehrlichem Bedürfnis Gott begegnen wollt, dann tut es. Keine Vorschrift darf euch daran hindern. Ihr seid Christen, ihr seid Gesalbte, ihr seid Befreite. Ihr lebt in der Freiheit der Kinder Gottes.

Übrigens: Der Erfinder dieses Begriffs war der heilige Paulus. Mit einigen Worten von ihm, die in der Bibel nachzulesen sind, wünsche ich Ihnen, dass Sie die Freiheit der Kinder Gottes genießen können – heute und an jedem neuen Tag.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5,1)

Ihr seid zur Freiheit berufen. (Gal 5,13)

Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst dei­nen Nächsten lieben wie dich selbst! (Gal 5,14)

Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. (Gal 5,18)



[1] Quelle: sueddeutsche.de vom 23.05.2011, „Ich werde was, was du nicht kennst“. Unbekannte Berufe